Zur angemessenen Bewertung des baulichen Bestands

In verschiedenen Beiträgen dieser Debatte wird behauptet, die Forderung nach einer Rekonstruktion des Neuen Neustädter Rathauses mißachte die Wiederaufbauleistung der Nachkriegszeit. Hierzu ist zu sagen, daß diese im Bereich des Neustädter Marktes bis 1962 in einer „Abbruchleistung“ bestand: Zunächst wurden bis 1950 die bis zum Traufgebälk aufrechtstehenden Fassaden des durchaus wiederaufbaufähigen Rathauses, des nebenstehenden Hauses „Zur Goldenen Sonne“ und der Fassaden der Großen und Kleinen Meißner Straße gesprengt, dann bis 1962 weitere noch verbliebene Einzelbauten, wie das „Fleischmannsche Haus“, worin Schiller mehrfach gewohnt hatte, abgerissen. Die erheblichen Anstrengungen der Denkmalpflege, diese Abbrüche zu verhindern, blieben erfolglos; nur einige Fragmente, wie etwa das Hauszeichen der Goldenen Sonne, konnten geborgen werden. 1969 mußte die Ruine des südlichen Torhauses von Thormeyers Weißem Tor der Ausweitung der Köpckestraße weichen. Noch 1985 sollte das Haus Große Meißner Straße 15 gesprengt werden und wurde erst auf Druck aus der Bevölkerung in den Neubau des Hotels Bellevue integriert.

Die dann in den Siebziger Jahren errichteten und zum 30. Jahrestag der DDR eingeweihten Neubauten waren immerhin, wie man gerechterweise anmerken muß, vor dem Hintergrund der staatlichen Vorgaben im Bauwesen und ebenso der materiellen Möglichkeiten und Handwerkerkapazitäten tatsächlich eine beachtliche Anstrengung: Bestimmte sonst der Schwenkbereich des schienengeführten Baukrans den Abstand der Zeilenbauten, zwischen denen dann quaderförmige „Kaufhallen“ die Bedarfsversorgung „sicherstellen“ sollten, konnte hier der Aufbau in den historischen Fluchtlinien der alten Hauptstraße sowie eine Mischnutzung (Läden und Gaststätten im Erdgeschoß, Wohnungen darüber) durchgesetzt werden. Im Detail mußte man durch die Plattenbauweise freilich zahlreiche Kompromisse in Kauf nehmen: Der leichte Anstieg der Straße konnte nur durch mehrfache Abtreppungen in den Seitenbereichen ausgeglichen werden, die städtebaulich wichtigsten Partien, die Ecken der Kopfbauten zum Platz hin, blieben unbetont, weil hier zwei Plattenblöcke leicht versetzt im Lot aneinanderstoßen. Immerhin knüpfte die gleichförmige Ausbildung dieser Kopfbauten an die vormalige Pendantwirkung des Rathauses und seines Gegenübers an, die mit gleichfömig abgeschrägten Ecken und den daran vorgelagerten Eckbrunnen Thomaes den Goldenen Reiter in wirkungsvoller Symmetrie eingefaßt hatten, wobei freilich beim Rathausbau durch den Dachreiter eine städtebaulich entscheidende, einseitige Akzentuierung erreicht wurde, die noch bin hinüber in die Altstadt wirksam blieb.
Diese - wenngleich nur sehr reduziert wiederaufgegriffene - Gestaltqualität einer symmetrischen Einfassung des Goldenen Reiters ist durch die Sanierungsarbeiten seit 2004 „auseinandersaniert“ worden; der Versprung der Loggienöffnungen, gerne als „spannungsvoll“ bezeichnet, bringt zusätzliche Unruhe, die dunkelgraue Fassung eine triste Note, das Gesamtergebnis erinnert an Schießscharten in Bunkeranlagen des Westwalls und verweigert sich brüsk jedweder Traditionsline des Ortes, vom gerne beschworenen „Genius loci“ ganz zu schweigen.

Daß solche Verschlimmbesserungen nicht dazu beitragen, die Sehnsucht nach dem städtebaulich so ungleich gelungeneren Vorgängerbau, dem Neuen Neustädter Rathaus, zu beschwichtigen, sondern im Gegenteil verstärkt Stimmen zu dessen Wiederaufbau herausfordern, liegt auf der Hand. Statt solche pathologisieren zu wollen, wie in dieser Debatte mehrfach versucht, sollte man sine ira et studio die städtebaulichen Qualitäten der derzeitigen Bauten mit dem Vorkriegszustand vergleichen. Nach der jüngsten Sanierung wird sich ein Abriß so schnell nicht durchsetzen lassen. Aber man sollte so ehrlich sein, die eklatanten Mängel der derzeitigen Gestaltung klar zu benennen und nicht permanent schönzureden oder kulturrelativistisch als den verschwundenen Barockbauten völlig gleichwertig „verkaufen“ zu wollen, wie in dieser Debatte mehrfach geschehen. Ohne die Allee mit ihren herrlichen alten Platanen würden die Kontraste und Defizite noch viel spürbarer in Erscheinung treten; so wird durch Geäst und Laubwerk der weitgespannten Baumkronen vieles optisch harmonisiert, was in seiner baulichen Gestaltung keine Harmonisierung anstrebt oder solche bewußt verweigert.

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